Anforderungen und kognitive Prozesse beim Lesen von digitalem Text

Dr. Carolin Hahnel➚, Wissenschaftliche Mitarbeiterin DIPF

Erleichtert durch die zunehmende Digitalisierung stehen schriftliche Informationen in umfangreicher und komplexer Form zur Verfügung. Dabei werden sie oft in einer nicht-linearen Weise organisiert, die als Hypertext bezeichnet wird. Hypertext ist eine vernetzte Struktur aus einzelnen Textteilen (Knoten), die durch Hyperlinks miteinander verbunden und zugänglich sind. Das Profil, in dem Leser*innen Textseiten aufsuchen, wird als Navigationsverhalten bezeichnet. Obwohl digitales Lesen natürlich auch „klassische“ Leseprozesse erfordert (d. h. Wörter müssen gelesen, integriert und entsprechend ihrer Satz- und Textstruktur interpretiert werden), verlangt es darüber hinaus die Aktivierung zusätzlicher kognitiver Ressourcen, um mit den Besonderheiten von Hypertexten angemessen umzugehen. Auf der Grundlage der Daten der nationalen PISA 2012 Begleitstudie zur Einführung computerbasierten Testens in PISA➚ befassen sich die drei Studien der Dissertation „Demands and Cognitive Processes in Reading Digital Text“ mit individuellen kognitiven Prozessen, die mit der Informationsverarbeitung beim Lesen digitaler Texte einhergehen.

Die erste Studie➚ untersucht den Zusammenhang zwischen den Anforderungen des digitalen Lesens und dem Arbeitsgedächtnis. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Schüler*innen beim digitalen Lesen neben ihrer Lesekompetenz auch von effizienten Arbeitsgedächtnisfunktionen profitieren. Insbesondere war das bei Aufgaben zu beobachten, bei denen sie Informationen im Text finden (Informationen suchen und extrahieren) und diese unter Berücksichtigung anderer Informationen interpretieren mussten (Textbezogenes Kombinieren und Interpretieren). Dementsprechend kann geschlussfolgert werden, dass die Bewältigung der Entscheidungs- und Navigationsanforderungen nach Arbeitsgedächtnisressourcen verlangt. Weiterhin zeigte sich, dass Leser*innen Nachteile im Textverständnis, die auf Arbeitsgedächtnisschwächen zurückgehen, anhand von strategischen Anpassungen in ihrem Navigationsverhalten ausgleichen konnten.

Die zweite Studie➚ beleuchtet das Zusammenwirken von Lesekompetenz, computerbezogenen Fähigkeiten und Navigationsverhalten beim digitalen Lesen. Die Ergebnisse zeigen, dass sich kompetente Leser aufgabenorientierter mit einem Hypertext beschäftigen und ihn dadurch besser verstehen. Routinierte Computerkenntnisse und Bewertungsfähigkeiten unterstützen sie dabei, indem sie Schüler*innen dazu befähigen aufgabenrelevante Informationen problemlos zu lokalisieren und sie entsprechend ihrer Relevanz und Vertrauenswürdigkeit einzuschätzen. Insgesamt unterstützt die Studie die Schlussfolgerung, dass kompetente Leser*innen mit routinierten Fähigkeiten im Umgang mit Computern und effektiven Strategien zur Bestimmung der Nützlichkeit webbasierter Informationen in der Lage sind, digitale Informationen zu finden, zu bewerten und sie zu integrieren.

Die dritte Studie➚ untersucht die Fähigkeit von Schüler*innen, Online-Informationen in Suchmaschinenumgebungen, einer Hypertext-Sonderform, zu bewerten. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Bewertung von Online-Informationen unterschiedliche Leseprozesse auf Wort-, Satz- und Textebene erfordert und dass eine wechselseitige Abhängigkeit zwischen ihnen und dem Navigationsverhalten besteht. Einerseits können kompetente Leser*innen den Bedarf an zusätzlichen Informationen genauer einschätzen (z. B. wenn sie keine Informationen finden, die ihren Suchkriterien entsprechen). Andererseits wird durch die Navigation neues Textmaterial aufgezeigt, das kompetente Leser*innen mit geringerem mentalem Aufwand effizient verarbeiten können (im Gegensatz zu weniger kompetenten Leser*innen), da sie grundlegende Lesefähigkeiten besser beherrschen.

Referenz: Hahnel, C. (2017). Demands and Cognitive Processes in Reading Digital Text [Goethe Universität Frankfurt]. http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor/index/index/docId/44473➚

Betreuer: Prof. Dr. Frank Goldhammer➚

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